Eintauchen in eine mittelalterliche Welt
Morality Play, das 1995 veröffentlicht wurde, spielt im 14. Jahrhundert und ist Barry Unsworths kürzester und straffster Roman. Auf weniger als 200 Seiten wird ein Mordfall aufgedeckt, eine neue Form des Theaters geschaffen und der relativ naive Ich-Erzähler, ein flüchtiger Priester, mit der Schlechtigkeit der Welt konfrontiert. Dieser Ich-Erzähler, Nicholas Barber, berichtet, wie er sich einer Truppe von fahrenden Schauspielern anschließt, die es auf dem Weg nach Durham in eine kleine Stadt verschlägt. Nachdem ihr Standardstück, The Play of Adam, hier so wenig Erfolg zeigte, daß sie nun am Hungertuch nagen, erfinden sie eine neue Art des Theaters, indem sie nicht wie üblich Bibelstellen inszenieren, sondern einen Mord aufführen, der kürzlich an einem zwölfjährigen Jungen in dieser Stadt verübt worden war. Diese Art des Theaters, das Inszenieren tatsächlicher Begebenheiten, ist jedoch, wie Nicholas Barber immer und immer wieder betont, noch sündhafter, als es das traditionelle Theaterspielen sowieso schon ist. Denn auf diese Weise trägt der Mensch keine von Gott gegebenen Worte vor (die einzige zur damaligen Zeit zulässige Art der schauspielerischen Darstellung), sondern versucht, weltlichen Begebenheiten, die sich nur einmal ereignet haben, selber einen Sinn zu geben. Bei ihrer ersten Inszenierung des Stückes, das sie nach dem Opfer, Thomas Wells, benennen, wird den Schauspielern jedoch klar, daß diese Version, die sie den am Ort kolportierten Berichten entnommen hatten, nicht die wahre sein kann. Und so machen sie sich daran, den tatsächlichen Mörder zu ermitteln und den wahren Tathergang aufzudecken, um den Leuten der Stadt „The True Play of Thomas Wells" präsentieren zu können. Sie wissen jedoch nicht, daß der ortsansässige mächtige Lord Richard de Guise und dessen Sohn William alles Interesse daran haben, den tatsächlichen Mörder geheim zu halten.
Der Roman zeichnet ein, wie Susanne Bacher es in ihrem Artikel im Kindler treffend nennt, „plastische[s] Zeiten- und Sittengemälde", wobei dem Leser zudem „eine anschauliche Schilderung des mittelalterlichen Schauspielerlebens" geboten wird.
Barry Unsworth beweist also, daß ein fiktionales Werk genauso viele Informationen über das mittelalterliche Theater, das damalige Menschenbild und die damalige Lebensweise vermitteln kann, wie ein nicht-fiktionales Werk es tut. Gleichzeitig gelingt es dem Roman vor allem durch seine Erzählstrategien, die mittelalterlichen Vorstellungen und die des modernen Menschen aufeinanderprallen zu lassen. Hier ist es vor allem der Rahmen der Detektivgeschichte, der, gepaart mit dem fiktiven, autobiographischen Bericht eines einfachen Individuums, dem modernen Leser die Andersartigkeit der mittelalterlichen Denkweise vor Augen führt. So ziehen die mittelalterlichen Überzeugungen zunächst die moralische Berechtigung von Verbrechensaufklärung in Zweifel, womit dem Leser gezeigt wird, daß als selbstverständlich hingenommene, heute etablierte Genres der Literatur nichts anderes sind als Produkte unserer heutigen Einstellungen und Überzeugungen. Und so wird mit der Entwicklung des Protagonisten gleichzeitig die Entwicklung der gesamten Menschheit nachgezeichnet. Von der Einstellung, daß jeder Mensch von Gott in eine gesellschaftliche Position geboren ist, die ihn grundlegend definiert, gelangt Nicholas Barber - exemplarisch für die Menschheit - zu der Einstellung, daß gesellschaftliche Rollen austauschbar sind und jeder für sich die Rolle finden muß, die seinem Wesen entspricht. Diese Erkenntnis wird geformt durch seine Tätigkeit als Schauspieler. Hierbei begreift er, daß auf der gesamten Welt jeder nichts anderes tut, als eine Rolle zu spielen, daß also die Welt nichts anderes ist als ein großes Theater (theatrum mundi).
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Für einen verregneten Tag, an dem man nichts besseres vorhat
Eine Theatergruppe will richtig Geld verdienen und beschließt, statt der üblichen biblischen Lehrstücke einen kürzlich geschehenen Mord darzustellen. Der Autor versucht zu zeigen, wie unerhört eine solche Idee für die Gesellschaft des Mittelalters war, schafft es aber nicht. Er hat sich wohl stark mit dem Thema auseinander gesetzt, denn er beschreibt nicht nur die Lebensumstände einer fahrenden Truppe, sondern auch die ganzen stilisierten Gesten, die die Schauspielerei damals einsetzte, was stellenweise etwas zuviel wird. Mir hat es persönlich auch zulange gedauert, bis die Geschichte in Schwung kam: ich finde, die ausführliche Beschreibung, wie der Priester zur Truppe und durch welche Umstände die Truppe in die Stadt kommt, hätte kürzer gehalten werden können. Die Auflösung des Verbrechens dagegen ging mir etwas zu flott und zu glatt vonstatten: kaum hören sich ein paar Leute zwei Tage lang um, haben sie schon dank ihrer Intuitionen den wahren Mörder entlarvt (nach dem Motto: die Wahrheit kommt immer ans Licht). Insgesamt gesehen ist der Roman aber nicht schlecht bzw. es gibt auch Schlimmeres.
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Eine Geschichte ueber die Rollen, die wir alle zu spielen ha
Die Geschichte des Martin Ball, der mit einer jungen Schaustellergruppe durch die Staedte des mittelalterlichen Englands zieht. Gespielt wird mit den alten Figuren wie Gott und Teufel, Froemmigkeit und Hochmut, Tod und Narr - aber Martin Ball verfolgt die Vorstellung eines anderen Schauspiels. Als er in eine fremde Stadt kommt, in der vor Kurzem ein Junge ermordet wurde, moechte er die Menschen mit einem Stueck ueber den Tod des Jungen anlocken. Der Ausbruch aus der "klassischen" Art des Schauspiels mit seinen festgefahrenen Regeln und Vorgaben und die Suche nach der Wahrheit des Todes des Thomas Wells bringt Aufruhr und Unruhe in die Stadt und laesst Martin und seine Freunde in Gefahr geraten, da sich die "Oberen" der Stadt fuer seine Nachforschungen zu interessieren beginnen. Barry Unsworth stellt uns hier dar, wie wir alle unsere Masken tragen und den neuen Dingen, die in unser Leben treten und es mit Veraenderung erfuellen mit Erschrecken und doch Neugier begegnen. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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